Omas Jahre

1863 – Thierschutz ist Menschenschutz

Wieder ist uns ein Stück Zeitgeschichte auf den Tisch geflattert. Sieglinde hat es ausgegraben und es wird hier sofort online gestellt.
Wer denkt daran, dass es bereits vor mehr als 150 Jahren heftige Bemühungen gab, den Tierschindern das Handwerk zu legen.
Hat es etwas gebracht?
Die Haustieren mögen Vorteile gewonnen  haben, den nach ihrem wirtschaftlichen Werte in die Bedeutungslosigkeit und als geringwertig betrachteten  Nutztieren geht es heute noch immer elendig, sogar elendiger als damals.
Um so mehr möchte ich auf die Wichtigkeit des Tierschutzes hinweisen und dessen unbedingtes Einhalten anmahnen.
Wir erleben aktuell das von uns Menschen selbst angezettelte und geleugnete Artensterben, dass uns am Ende selbst – bestimmt nicht unverdient – ausradieren dürfte und dem Planeten erlaubt sich wieder zu regenerieren (womöglich wieder nach althergebrachter Tradition – ohne Intelligenzbestien, die unbedingt das Geld und den Betrug erfinden müssen).


Der Thierfreund (12. Jahrgang – 1863 – Nr. 1)
Zeitblätter für Menschenveredlung und Thierschutz
Organ des Wiener Thierschutz-Central-Vereines

An unsere Leser.
Der „Thierfreund” tritt mit dem Jahre 1863 seine 12. Wanderung nicht nur durch Österreichs gesegnete Länder an, sondern man ruft ihn auch im deutschen Vaterlande ein „freundliches Willkommen” zu. Hat gleich die Tagesliteratur eine solche Ausdehnung genommen, daß es selbst dem fleißigsten Leser bereits unmöglich geworden ist, das Mitgetheilte zu lesen, geschweige denn zu benützen, so wird ein Specialblatt allen denen um so willkommener sein, die sich gerade für diese eine Sache interessiren.
Der „Thierfreund,” dermalen in den deutschen Landen das einzige Blatt, welches sich ausschließlich mit dem Wohl und Weh der Thierwelt beschäftiget, wird wie bisher fortfahren, seinen Lesern Alles das mitzutheilen, was zur Milderung des Looses der Thiere von Seite der Thierschutz-Vereine angestrebt wird, und was noch ferner geschehen muß, um der sich gestellten Aufgabe zu entsprechen.

Überall klopft der „Thierfreund“ an; denn überall – in stolzen Burgen, prachtvollen Palästen, stattlichen Häusern, in der einfachen Hütte des Landmannes findet er Menschenherzen, welche gleiche Gesinnungen, wie der Gründer des Vereines, haben, d.h. welche für die Milde, das Mitgefühl, das Mitleid mit den Thieren ein schlichtes, ermunterndes und ermahnendes Wort finden.
Mag es immerhin Menschen geben, welche glauben, durch ein Thierschutzgesetz sei die Aufgabe der Vereine gelöst, so darf doch nicht übersehen werden, daß der Kampf, der gegen Dummheit und Gefühllosigkeit gekämpft werden muß, sich noch in den ersten Stadien befinde, dass es gilt Vorurtheile und angeerbten Schlendrian zu zerstören; daß es gilt den Jahrtausend alten Ausspruch:

“Grausamkeit gegen Thiere verhärtet das Gemüth auch gegen Menschen”,

welchen Ausspruch der Gründer des Wiener Thierschutz-Vereines, Dr. J. F. Castelli in sein Motto: „Thiere schützen — heißt Menschen nützen”, umwandelte — daß es gilt, diesen bedeutungsvollen Worten allenthalben Anerkennung zu verschaffen; — daß Thierquälerei zu Menschenquälerei führe — der Thierschutz dagegen die Wege ebnet, auf denen die erfolgreiche sich haben; und schöne Anbahnung eines allseitigen Menschenschutzes erreicht werden kann.

Dank sei es der Humanität, daß die Bestrebungen der Thierschutz-Vereine eine so ausgebreitete Theilnahme sich erworben haben, daß sie vor Gebildeten weder eine Rechtfertigung, noch einer weitern Anpreisung bedürfen; allein sie wollen diese Erkenntniß nicht nur bei den Besseren des Volkes gesichert wissen, sondern auch bei denjenigen, denen sie bisher ferne gelegen sind.

Zu dieser Arbeit, die freilich eine schwere ist, will der „Thierfreund“ sein Scherflein beitragen; er will belehren und unterhalten; belehren über die Art und Weise, wie der Mensch das ihm dienstbare Thier am besten zu seinem eigenen Nutzen zu behandeln, wie er sich des leidenden Thieres anzunehmen habe; — unterhalten, von den Eigenschaften, von den schönen Handlungen, von dem Nutzen der Thiere.
Und da die Thierschutz-Vereine vorzüglich Bedacht zu nehmen haben, einen tüchtigen Nachwuchs zu gewinnen, wird der „Thierfreund” der Jugend eine Beilage widmen, welche kleine Erzählungen, Gedichte, Anekdoten bringen wird, um durch sie den Geist des Wohlwollens für die Thiere der Jugend einzuflößen, und sie nach dem Grundsatze der Thierschutz-Vereine heranzubilden.

Um aber dieß zu erreichen, ist uns besonders die Mitwirkung der Volksschullehrer dringend nothwendig, denn die Schule soll den Kindern eine kleine Welt sein, in der sie das Vorbild ihres künftigen Lebens vor sich haben; sie soll ein anmuthiger Gartenplatz sein, wo edle Pflanzen ihre erste Bildung erhalten, bis sie verpflanzt in einem weiteren Raum, des Gärtners Freude und sein schönster Lohn werden.

Höchst erfreulich für den Wiener Thierschutzverein in dieser Richtung ist das Schreiben eines Schullehrers aus Niederösterreich, der sich über den weitgreifenden Nutzen der Thierschutzvereine ausspricht. Er sagt: „Es wird sich die überzeugende Erkenntniß in ihren Folgen desto wohlthätiger, desto ausdauernder erweisen, wenn man schon im engen Kreise der Familie dieselbe vorzubereiten und zu begründen beflissen sein wird. Da aber Einzelne doch nur wenig vermögen, so sollten auch die Gemeindevorstände mit einem ernstlichen, durchgreifenden Willen gegen arm und reich, jung und alt, hoch und niedrig, dieß anzustreben bemüht sein, nicht allein selbst alles unnöthige, boshafte Quälen der Thiere vermeiden, und die Kurzsichtigen durch Belehrung, Warnung, Zurechtweisung davon abhalten, sondern auch diese Wirksamkeit bei allen Nachbarn geltend machen.

Nur dadurch könnte dem gemeinschädlichen Übel gesteuert werden, wie im Falle des Fortbestehens dieses fisischen und moralischen Elends die Thiere Aller bedrohe, das Hab und Gut Aller der Gefahr des Verderbens preisgegeben ist; und haben es die Gemeindemitglieder einmal begriffen, wie entehrend es für die ganze Gemeinde ist, wenn daselbst ein rohes, verachtenswerthes Benehmen gegen die Thiere mit Stillschweigen und Gleichgültigkeit hingenommen wird, so wird unstreitig bald ein besserer Geist in derselben vorherrschend werden.“

Ein anderer sehr verdienstlicher Schullehrer aus Böhmen sprach bei der Eröffnungssitzung der neugegründeten Filiale: „Was ist das Thier? Die meisten derselben sind ein treuer Freund und Helfer des Menschen; sein unentbehrlicher Mitarbeiter. Ernährer und Bekleider, ja, bei mehreren Völkerschaften fast der einzige, der größte Reichthum. Gedenken wir des Lappländers. Was wäre er, hätte ihm Gott nicht das Rennthier gegeben? Wie traurig stände es um den Bewohner der heißen Sandwüsten, müßte er das Kamel entbehren; oft wäre Verschmachten sein trauriges Loos!

Die schönsten Pferde, sagt Stamm im goldenen Buche der Landwirtschaft, haben bekanntlich die Araber. Wie kommen wohl jene Menschen dazu? Sie lieben ihre Pferde! Darin steckt das ganze Geheimniß.

In der Schweiz und in Tirol trifft man sehr schöne Rinder. Wie stellen es die Leute nur an, solches Vieh zu züchten? — Sie schätzen ihr Vieh als den höchsten Reichthum; sie schmücken und zieren es mit hellklin­genden Glocken und blumenreichen Kränzen; reinigen und putzen es nach Möglichkeit, suchen ihm gutes Alpengras als Leckerbissen und reden nie anders als vom lieben Vieh.”

Sie lieben es — daß ist das ganze Kunststück ihrer ausgezeichneten Zucht.

Jenen Leuten ist also der Satz ganz deutlich und klar:

“Der Mensch braucht das Thier —  nicht umgekehrt — das Thier den Menschen”.

Wie oft sieht man aber schon im Kinde den rohen Trieb zur Thierquälerei! Mehrentheils durch böse Beispiele Erwachsener verführt, lernt es frühzeitig arme, hilf- und wehrlose Thiere necken und zeigt seine Lust an den, ihm eine Augenweide gewährenden Zuckungen verstümmelter Geschöpfe.
Wohin führt diese» grausame Spiel?
Das entartete Kind wird, mehr erwachsen, sich bemühen, die Nester der Vögel aufzufinden und die Alten zu sangen; später greift es zum Gewehr und entsendet das tödtende Blei in die Brust der lieblichen Sänger des Waldes — noch später streift es im Forste umher, wird endlich Wildschütze und von diesem zum Mörder — ist nur ein kleiner Schritt. Hunderte von solchen traurigen Fällen bestätigen dieß.”

Bei allen großen Unternehmungen der Vorzeit, sagt ein Thierfreund, ist der Grad ihres Scheiterns und Nichtgelingens am meisten wohl darin zu suchen, daß sie unternommen wurden von Einzelnen, denen zur Ausführung großer Pläne die dazu nöthige Kraft fehlte; das Jahrhundert, in welchem wir leben, hat es sich erst angelegen sein lassen, bisher zerstreute Kräfte zu vereinen, und „Viribus unitis” die Aufgaben, die es sich selber stellt, oder die ihm als nothwendig erscheinen, zu lösen.
So geht es auch aus dem Gebiete, welches sich die Thierschutzvereine als das Feld ihrer Thätigkeit angeeignet haben.

Erst im Laufe der letzten Jahrzehnte haben sich die Bestrebungen der Einzelnen zusammengefunden, und in Vereine sich zusammenschaarend, haben die Edelsten aller Nationen das Werk der Beschützung und Behütung der stummen Kreatur getrieben und gefördert, — und die bedeutende Anzahl der Mit­glieder dieser Vereine, die von den kleinsten Anfängen ausgingen, legt das schönste Zeugniß davon ab, daß die Vereine und deren Sache mehr und mehr an Ausdehnung gewinnen; denn neben den fürstlichen Namen unter den Mitgliedern wird auch der schlichte und einfache Arbeiter genannt, was wieder als Beweis gelten mag, daß diese Vereine und ihre Sache von den verschiedensten Ständen und Bildungsstufen verstanden und gewürdigt werden.
Allein wie viele Tausende gibt es», die da glauben, die Thierschutz – Vereine hätten es nur damit zu thun, einem überladenen Zug-Pferde die Last etwas zu erleichtern, dem spindelbeinigen Droschkenpferde ein Paar Peitschenhiebe zu ersparen und was dgl. mehr ist.

Der dieß glaubt, der kennt die Bedeutsamkeit der Bestrebungen der Thierschutz-Vereine nicht und man muß es solchen Kurzsichtigen verzeihen, wenn sie in der Beschränktheit ihres Urtheiles noch weiters zu dem Gedanken verleitet werden, die Mitglieder eines Thierschutz-Vereines sollten sich vorerst der gequälten Menschen, der brotlosen Arbeiter annehmen, ehe sie ihre Hilfe den gemarterten Thieren zuwenden.

Wer so von den Mitgliedern der Thierschutz-Vereine denkt oder spricht, beleidigt dieselben ebenso sehr, als er seine Kurzsichtigkeit kund gibt.

Allerdings steht der Mensch dem Menschen näher, als das Thier, allein die höhere Idee der Thierschutz-Vereine muß man auffassen, die Mittel des Zweckes wegen nicht zu verkennen, einsehen lernen, dass Thierquälerei zur Menschenquälerei führe – dann muß jeder, selbst der Kurzsichtigste erkennen, daß die Thierschutz-Vereine in Wahrheit nichts anders als Menschenschutz-Vereine sind.

Darum dürfen auch alle, denen die Sache des Tierschutzes am Herzen liegt, nicht lässig und träge werden, sondern unausgesetzt müssen wir alle unsere Kräfte, alle uns zu Gebote stehenden erlaubten Mittel anwenden, das Übel an der Wurzel angreifen, d. h. die Jugend vor allen Dingen veredlen; dann, aber auch nur dann, dürfen wir nicht mehr zweifeln und zagen, denn

Strebe beharrlich stets weiter auf einmal betretener Laufbahn,
Fest in dem Auge das Ziel — bleibt dir der Ausgang gewiß.

Khuen


Hinweis auf den Beitrag von Kelly, den Piefke am 09.10.2021 in den Blog eingetragen hat.
“Thierquälerei und Thierschutz ca. 1870”


 

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