Omas Jahre

1791 – Ein endloser Satz

Die Österreichische Nationalbibliothek hütet einige Originale „Priapische Romane“. Die ersten Ausgaben in deutsch, 3 Bände. Diese wurden in Rom von einem Verlag namens „Seraph Cazzovulva“ herausgegeben (?).

1791 (Das Frauenzimmer von Vergnügen),
1792 (Die Frauenzimmerschule in sieben Gesprächen) und
1792 (Mein Noviziat)
und womöglich auch weitere Schriften dieser Reihe.

Diese Priapischen Romane waren z.B. im Kaiserreich Österreich immer wieder – ganz oder teilweise – im Register „Gerichtlich verbotene Schriften“ aufgeführt (Central-Polizei-Blatt vom September 1872). Sie galten als frivol. Und was in den Augen der Obrigkeit für das gemeine Volk unzumutbar und zu frivol war, das war sofort auch subversiv.
Man stelle sich nur einmal vor, wozu ein von freier Lust geriebenes Volk alles fähig sein könnte.
War der Aufstand der Pariser, der letztendlich in der Französischen Revolution und darüber hinaus zu den napoleonischen Kriegen führte, die die umstürzlerischen Freiheitsrufe verwirrter deutscher Bürger ertüchtigten, nicht Mahnung genug, die straff angezogenen Zügel nicht locker zu lassen.

Band 1 stammt von „John Cleland“, der auch für Fanny Hill verantwortlich zeichnet.
Er verfasste zu Beginn von Band 1 einen Satz, dessen Länge mich so beeindruckt, dass ich ihn hier wiedergebe:

Madam !

Ich setze mich nieder, um Ihnen einen unsägbaren Beweis zu geben, daß ich Ihr Verlangen als den strengsten Befehl ansehe: ich werde also (so unangenehme auch dieses Geschäfte seyn mag) jene ärgerlichen Auftritte meines Lebens einer neuen Betrachtung würdigen, von welchen ich mich endlich losgerissen habe, um zu dem Genuß aller der Seligkeit zu gelangen, welche man nur im Besitz der Liebe, der Gesundheit und des Glücks erwarten kann; da es in meiner blühenden Jugend noch nicht zu späte ist, die Musse, die mir bey bequemen Umständen und großem Ueberfluß verstattet wird, zur Anbauung eines von Natur nicht ganz zu verachtenden Verstandes anzuwenden, welcher mich, auch mitten in dem Wirbel der zügellosesten Vergnügungen, in die ich verwickelt worden bin, mehr Bemerkungen über die Charaktere und Sitten der Welt machen ließ, als es bey Frauenzimmern von meiner unglückseligen Lebensart gewöhnlich ist, welche jeden ernsthaften Gedanken für ihren ärgsten Feind halten, den sie entweder, so weit als möglich, von sich entfernen, oder ohne Barmherzigkeit zu vertilgen.

Herrschaften, was für ein Satzgebilde.
Anstrengender geht es wirklich nicht mehr.
Wir sind aus den ellenlangen und schwer verschachtelt niedergeschriebenen Rezepten und Haushalts-, Gesundheitstipps der damaligen Zeit ja einiges gewöhnt, hier jedoch hat der sprichwörtliche „Wortbandwurm“ ein Meisterstück abgeliefert.

Ich wollte gern einen Blick auf einen „frivolen“ Roman des 18. Jahrhunderts werfen und in einem der Bände „blättern“, aber, dem Leser einen solchen Satz schon zu Beginn vor Augen zu halten, das nahm mir schon beim Start solche Kraft, dass ich Seite 2 nicht mehr gelesen habe.
Ehrlich, ich sorgte mich, dass ich mit dem Werk eines solchen Schriftstellers überfordert bin und geradewegs in einen Literatur-Burnout schlittere.

      

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