Omas Jahre

1840 – Mittel gegen Zahnschmerzen

ACHTUNG:
Wer des Lesens kundig ist, dem werden hier Arzneien und Behandlungsmethoden vorgestellt, die bereits 180 Jahre und mehr alt und nicht mehr auf der Höhe unserer heutigen Zeit sind.
Ich gehe davon aus, dass niemand beabsichtigt, eine der in diesem uralten Bericht vorgeschlagenen Torturen nachzumachen. Nicht an anderen anwenden wird und sicherlich nicht an sich selbst – weder eigenhändig oder durch Dritte.
Lesen ist ok, Staunen ist i.O., in die Tat umsetzen ist plemplem.

Hier ein Beitrag aus dem Receptanhang eines hauswirtschaftlichen Bestsellers, der 1842 in Hannover erschienen ist.
Die Autorin Johanna Schröder schreibt hierin: “Ich habe, abweichend von anderen, selbst gesuchten Kochbüchern, Speisen aus absolut ungesunden Stoffen bestehend, ganz weggelassen, relativ nachhaltige Ingredenzien aber, die getrennt gesund, aber in ihrer Composition mit andern schädlich sind, z.B. Wein und Milch, durch andere Substanzen, welche sich nicht abstoßen, ersetzt, und überhaupt weder Zeit noch Müh gescheut, um dieses mein Werk so brauchbar als möglich zu machen. –  Möge der Beifall des geehrten Publicums demselben zu Theil werden; dann will ich mit Freuden auf die großen Anstrengungen, welche ich dem Werke widmete, zurücksehen und selbige segnen. Hannover, den 23. Juli 1842 – Die Verfasserin”.
Die vor mir liegende Erstausgabe erschien im Selbstverlag der Verfasserin, die das “Werk” unter kommissarischer Mitwirkung der  Helwing’schen Hofbuchhandlung herausgab, um den Buchmarkt des Königreichs Hannover umzukrempeln,  der von einer Legion an Kochbüchern bereits heimgesucht wurde. So die schriftlichen Aussagen der in der Kochkunst und den Recepturen der allgemeinen Lebenshaltung erfahrenen Schriftstellerin, die, so lt. ihre eigenen Ausführungen in den  Angaben eines berühmten Hannoverschen Kochs Unterstützung fand.
Tja, so war das früher. Jeden Tag irgendwo in Europa ein neues Kochbuch. Und ….. das ist bis heute so. Heute ist es sogar noch schlimmer, weil die Kochbücher dünner, spezialisierter und massenhafter auf den inflationären Buchmarkt geworfen werden.

Die hannoversche Johanna hatte damals noch einige weitere “Recepte” auf Lager und dem Drange folgend, das Kochbuch der Kochbücher zur Welt zu bringen, hat sie diese ihrem Erstlingswerk auch reichlich beigefügt. 275 an der Zahl.
Mir stand beim Lesen oft der Mund offen.
Ich habe einige davon herausgesucht und werde sie Euch häppchenweise vorstellen.
Ich konnte mir die Vorstellung nicht verkneifen, dass die “Recepte” das Ungemach, gegen welches sie wirken sollten, verschlimmert haben müssen und nach kurzer Eigenbehandlung nicht der Arzt sondern der Bestatter gerufen werden musste.
“Mannomann”, sag ich dazu nur.

Und hier die laufende Nummer 196 aus dem Receptbuch der  “Johanna von Hannover”:

Mittel gegen Zahnschmerzen.

Bei jedem langanhaltenden sehr heftigen Zahnschmerze ist ein Aderlaß am Arme oder am Fuße nöthig.
Man kann auch das Zahnfleisch schröpfen.
Alsdann legt man zerriebenen Meerrettig oder gestoßenen Knoblauch in die Biegung des Ellenbogens an der schmerzhaften Seite. Die Haut wird dadurch heftig erhitzt. Nun legt man Bletiweißsalbe ober eine mit Goulardischem Wasser befeuchtete Leinwand darauf und erneuert sie so oft, bis die Hitze heraus ist, zuletzt heilt man dieselbe mit Brandsalbe.

Ein wenig Senfteig oder andere Zugmittel an die Schläfe oder hinter die Ohren beim Gelenke des Kinnbackens gelegt, ist auch wirksam.

Will der Schmerz noch nicht weichen, so legt man ein paar Tropfen Opiumtinctur oder flüssiges Laudanum auf Baumwolle an den Zahn, oder, wenn er hohl ist, hinein und wirft den Speichel aus.

Äther, äußerlich auf die Wange gegossen und mit der Hand bedeckt, bis er weggetrocknet ist, ist auch gut.

Dies sind die allgemeinen Mittel, die bei allen heftigen Zahnschmerzen gebraucht werden können.

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Kommt der Schmerz von hohlen Zähnen, und erstbemeldete allgemeine Mittel wollen nichts helfen, so kocht man ein wenig Kampfer in Essig oder weicht Myrrhen einige Stunden in Branntwein und hält diese im Munde; oder man legt auf Baumwolle Würznelkenöl und Kampferöl, oder das erste mit Opiumtinctur zu gleichen Theilen vermischt, in die Höhlung.

Gleichviel Zucker, Pfeffer und Salz in einem Löffel zusammengeschmolzen, dann auf Papier gegossen und damit den hohlen Zahn angefüllt, macht zwar anfangs den Schmerz ärger; er hört aber bald mit einem stärken Speichelflusse auf.

Auch das Buxbaumöl oder der Hoffmannsche Liquor in den Zahn applicirt, oder Wasser mit Gänserich (anserina) oder mit Lorbeerblättern gekocht, warm im Munde gehalten, sind gute Mittel.

Wenn sehr vollblütige Leute nach Erhitzung Zahnschmerz mit großer Hitze im Munde haben, so kommt er von Entzündung. Man bedient sich dagegen der genannten allgemeinen Mittel, wie auch einer Mixtur, die aus sechszehn Loth Wasser, einem halben Loth Salpeter und vier Loth Syrup von Citronensäure oder Granatensyrup zusammengemischt wird, wovon man täglich viermal einen Eßlöffel voll nimmt. Auch leistet Wässer, worin Salpeter aufgelöst worden ist, oder warme Milch, worin Feigen gekocht worden find, gute Dienste.

Der Zahnschmerz von Erkältung mit Schnupfen und Flüssen erfordert zuerst eine Abführung von Jalappenwurzel, Cremortartari und Sennesblättern, jedes zu zwanzig und mehr Gran mit einander vermischt, wozu man Gerstenbrühe trinkt. Hernach kann man sechszehn Tropfen von Svdenhams flüssigem Laudanum einnehmen und obige allgemeine Mittel gebrauchen.

Der Dampf von kochendem Wasser mit dem Munde aufgefangen, führt die Schärfe durch den Speichel, den man auslaufen lassen muß, und durch den Schweiß mit baldiger Linderung ab.

Zu gleichem Zweck hält man halb Essig halb Wasser, mit Rosmarin und Epheu zu gleichen Theilen gekocht, lauwarm im Munde. Kräuterkissen mit einer Handvoll Bohnenmehl, Hollunderblüthen und Camillen, mit einem Quentchen gestoßenen Kampfer vermischt und mit Gummi Animae geräuchert, warm aufgelegt, sind ein gutes linderndes Mittel.

Wenn bei dergleichen Zahnweh von Flüssen der Magen verdorben ist, so macht nach dem Purgiren oft ein Löffel voll Branntwein, ein Glas Wein oder ein gemachtes Erbrechen dem Schmerze ein Ende.

Zahnschmerzen, von welchen Ursachen sie auch herrühren, selbst von hohlen Zähnen, besonders aber die, welche von Erkältung und von Flüssen herkommen, lassen sich in den meisten Fällen dadurch vertreiben, daß man Cajeputöl auf Baumwolle tröpfelt und diese in den hohlen Zahn oder an den Zahn legt.


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