Omas Jahre

1851 – Der Untergang des Dienstbotenwesens

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Im hohen Alter stellte der habsburger Erzherzog Johann von Österreich (geboren 1782) die Frage, was zu geschehen habe, um in jeder Beziehung gute Dienstboten heranzuziehen.
Diese Angelegenheit berührte ihn persönlich, weil dies Problem seinen hohen Haushalt sogar direkt betraf. Er hatte keine Lösung parat. Sein Fachpersonal – samt Wirtschafterinnen – war ebenfalls gescheitert.
Der alte Erzherzog war bereits sehr lebenserfahren und beschloss, die Sache noch zu seinen Lebzeiten durch Kompetenz, Fachwissen und Praxisbezug lösen zu lassen.
Er rief sein Anliegen in Form einer Preisfrage aus, was ihm ein schnellstmögliches Ergebnis versprach:
„Durch welche Verhältnisse sind die allgemeinen Klagen über den Verfall der dienenden Volksclassen herbeigeführt worden?
Welche Mittel sind bereits in den einzelnen deutschen Ländern angewendet worden, oder allenfalls noch anzuwenden, um den nachtheiligen Einfluß, welchen die fortschreitende Entartung des Dienstbotenwesens auf die Landwirthschaft ausübt, zu beseitigen?”

Das Collegium einer Gesellschaft ausgezeichneter deutscher Land- und Fortwirthe krönte eine Antwort von Dr. William Löbe unter 46 Einreichungen als ihre ausgelobte Preisschrift und veröffentlichte diese unter dem Motto
„Achtung dem Menschen auch im Dienstboten“
in der 6-bändigen Encyklopädie der gesammten Landwirtschaft der Staats-, Haus- und Forstwirthschaft, die ab 1851 zum Preise von 15 Thalern und 15 Reichsgroschen verkauft wurde. Für 18 Thaler konnte ein Interessent die 6 Bände für 18 Thaler erwerben.

Dr. Löbe bestätigte sehr wohl die allgemein gültige Ansicht, dass alles seit einiger Zeit schlimmer als früher geworden sei. Man brauche nur an die Türe eines jeden dritten Hauses zu klopfen und man hört klagen: „Ja, wenn man nur keine Dienstboten halten müßte!“
Man brauchte nur an die Türe eines jeden vierten Hauses zu klopfen und man hört von anderer Seite die Klage: “Ja, wenn man nur nicht zu dienen brauchte!“
In der guten alten Zeit hatte das Dienstpersonal noch den Sinn für Treue, rechtliches und biederes Verhalten, Achtung, Ergebenheit, Aufrichtigkeit, Gehorsam, Arbeitsamkeit und sittliches Wohlverhalten gegenwärtig.
Es achtete natürlich auch die patriarchalische Stellung zwischen Dienstherrschaften und Dienstboten, sowie das nicht genug zu rühmende Verhältnis wechselseitigen Vertrauens und gegenseitiger Befriedigung.
Tatsächlich hätte aber die sittliche Verderbnis des Gesindes zu einem hohen Grade zugenommen.
Gute Dienstboten gäbe es gegenüber früher immer seltener und man vermißt in der That bei den Dienenden immer mehr diejenigen Eigenschaften, welche geeignet wären, bei einer billig gesinnten Dienstherrschaft Liebe und Vertrauen zu den Dienstboten zu erwecken und zu nähren.

Die wesentlichen Fehler, welche unsern heutigen Dienstboten zum Vorwurf gereichen, sind hauptsächlich folgende (Originaltext):

– Übertriebene Eitelkeit
– Leichtsinn
– Trägheit
– Unfolgsamkeit
– Widerspenstigkeit
– Vergnügungssucht
– Zerstreuungssucht
– Liederlichkeit
– Untreue

Dr. Löbe konnte all diese negativen Eigenschaften hinlänglich kommentieren.
Ja sogar zu den „Allgemeinen Ursachen, welche zur Verderbtheit des Gesindes und zum Mangel an demselben geführt haben“, machte er umfangreiche Ausführungen.
Insbesondere diese geben einen sehr guten Blick in das Leben unserer dienenden Vorfahren, die nicht in gutbürgerlichen Familien groß geworden waren oder aus gutem Hause stammten.

Er fand Ursachen in (Originaltext):

– Der Verwilderung der Kinder der arbeitenden Classen in ihren ersten Lebensjahren.
– Dem Mangel an Versorgungsanstalten für vater- und mutterloser Kinder.
– Dem mangelhaften Schulunterricht.
– Einem Mangel an Aus- und Fortbildungsschulen.
– Dem Hüten des Viehes durch die Jugend.
– Der Zwangsdienstpflicht gegen geringsten Lohn.
– Die Eisenbahnbauten.
– Dem Mangel an Versorgungsanstalten für alte und gebrechliche Dinstboten.
– Einem Mangel an Fachkenntnis.
– Der Strenge der Herrschaften zur Unzeit oder sogar im Uebermaß.
– Dem Mangel an Energie.
– Dem Mangel an Ordnung.
– Dem gegenseitigen Abspenstigmachen der Dienstboten.
– Einer Ueberbietung im Lohn.
– Einer zu großen Familiarität gegenüber den Dienstboten.
– Dem verbreiteten Mangel an guter Behandlung der Dienstboten.
– Der Ausstellung wahrheitswidriger Zeugnisse.

Seine Problemlösungen formulierte er unter folgenden Titeln (Originaltext):

– Gründung von Kleinkinderbewahranstalten.
– Gründung von Arbeits- und Versorgungsanstalten für Waisen und arme Kinder.
– Angemessener Schulunterricht.
– – willige Anerkennung der herrschaftlichen Vorrechte
– – Gehormsamkeit eines Dienstboten
– – Treue und Eifer, den Vortheil der Herrschaft zu befördern
– – Verschwiegenheit über die Angelegenheiten der Herrschaft
– – Genügsamkeit und Rücksicht
– – Gewissenhaftigkeit
– – Abmahnung von der Thierquälerei
– – Ertheilung landwirthschaftlichen Unterrichts
– Bessere häusliche Erziehung der Kinder
– Vermehrte Fortbildung
– Aufhebung der Zwangsdienstpflicht
– Dienstboten von der Arbeit an den Eisenbahnbauten abhalten
– Versorgungsanstalten für alte und verunglückte Dienstboten gründen
– Gründung von Sparcassen (Ersparungsinstute)
– Einführung von Dienstbotenbüchern
– Gründung von Dienstboten-Besserungsvereinen
– Ueberwachung, Bildung und zweckmäßige Behandlung der Dienstboten

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Die von allerhöchster Stelle preisgekrönte Fleißarbeit des Dr. W. Löbe fand 1850/1851 nicht nur beim hochbetagten Erzherzog Anklang, sondern überzeugte auch die Gesellschaft der Land- und Forstwirthe, denn diese ließ das ausführliche Druckwerk sogar als Einzelausgabe in mehreren Auflagen parallel zur 6-bändigen Encyklopädie herausgeben.
Offenbar hatte Dr. Löbe „ins Schwarze“ oder damit sogar einen schmerzenden Nerv der Zeit getroffen.
Von Jahr zu Jahr wurde das Dienstpersonal knapper.
Das war in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen unvorstellbar.
Hier drohten das jahrhundertealte Ständewesen und der auf dem Fleiß der Untertanen ruhende Tagesablauf, alles tragende Pfeiler abendländischer Kultur, zusammenzubrechen. Weiter gedacht sollten später sogar Auswirkungen auf das Militär feststellbar werden.
Die Revolutionäre von 1848 hatten wohl doch mehr in Bewegung gesetzt und oft sogar mit ihrem Tode bezahlt, als man es ihnen zugetraut hatte.
Das verfügbare Personalangebot entbehrte zunehmend die selbstverständliche gewohnter Qualität und den ihnen angeborenen dienstbereiten Charakter. Und ein Blick in die Zukunft und auf den Nachwuchs in der Dienerschaft ließ nichts Gutes ahnen.

Standardisierte Arbeitsverträge in der Industrie – mit Regelungen zu festen Arbeitszeiten, höheren Gehälter, Ruhezeiten, Urlaubstagen und betrieblicher Krankenversorgung und der durch die Arbeit Versehrten – konkurrierten in unvorhergesehener Weise mit dem kräftezehrenden Job als Knecht, Magd, Hausmädchen, Hirte, Tagelöhner, ungelernter Handwerker, Almosenempfänger udgl.
Nicht, dass in der Industrie Milch und Honig flossen, aber sie bot eine größere Unabhängigkeit und berechenbarere Versorgung, allein durch die sich bildenden Arbeiterschutz- und Arbeiter-Selbsthilfevereine, dem Aufbau von  Gewerkschaften, die unerbittlich daran arbeiteten eine homogene, starke, selbstbewusste Arbeiterklasse auf die Beine zu stellen.

Der erzherzögliche Preisstifter erlebte gerade im eigenen Hause, wie seine bequeme, wohlgestaltete Welt langsam aber sicher ihrem Untergang zutrieb und ich glaube fest daran, dass er dem Treiben der neureichen Industriebarone misstraute, die alle verfügbaren Arbeiter für ihre Fabriken und den Aufbau der öffentlichen Infrastruktur (z.B. das Verlegen der Eisenbahnschienen, den Straßenbau, dem Aufbau der modernen Wirtschaft) regelrecht vom Arbeitsmarkt wegfischten.

Dass die nur rudimentär gebildeten Arbeiter wie vom Rattenfänger geleitet letztendlich mit jeder neuen Erfindung, jeder neuen Fabrik wie blind in eine neue ganz und gar nicht leuchtende Klassengesellschaft, schlimmer als die, der sie gerade entflohen und statt dessen in die –  sie mit offenen Armen erwartende –  erbärmlich vegetierende neue Arbeiterklasse des kapitalistischen Industriezeitalters liefen, war von ihnen nicht vorhersehbar; nicht einmal vorstellbar.

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