Omas Jahre

1832 – “Beispiele des Guten” – Ein Dienstboten-Buch

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Anno 1832 brachte Johann Aloys Schlosser in Augsburg über seinen 1826 erworbenen und inzwischen florierenden Buch- und Kunsthandel, unter seinem guten Namen die ebenso gute Idee eines freiberuflich tätigen Buchdruckers Albrecht Volkhart, dem als Drucker das gleichzeitige Gewerbe eines Verlages nicht genehmigt wurde, auf den Markt.
Verleger Schlosser veröffentlichte jede Woche ein christlich, religiöses „Geschichtlein“ über gute Taten guter Menschen heraus, die sich nicht um Ruhm und Ehre scherten, sondern ihr Tun in den Dienst der Menschen stellten, deren Seelenheil, Wohlergehen und Gesundheit ihnen zuvorderst – vor ihrem eigenen – so am Herzen lagen, dass sie regelrecht darauf brannten zu helfen und zu dienen.
Ab 1832 fasste er dann die 52 Wochen-Exemplare auch noch zu einer ersten Jahrgangsausgabe von etwa 210 Seiten zusammen und nannte sie:
„Das Dienstboten-Buch oder Beispiele des Guten“
(mit dem “Guten” meinte er seine 52 gottesfürchtigen Geschichtlein aus Bibel, frommen Büchern oder religiösen Erzählungen).
Zu den erbaulichen Schriften (so war wohl der zeitgenössische Begriff für derartige Druckwerke) gab es als gern gesehene und ungemein verkaufsfördernde Zugabe, je den  Druck einer christlichen Heiligendarstellung.
Es handelte sich ausschließlich um Geschichtlein, die dabei helfen sollten, Dienstpersonal unverzagt bei Gottesfurcht, Stimmung und im Zaume zu halten, um die ihnen traditionell (von Gott) zugewiesene  Rolle der zum Dienen bestimmten Gesellschaftsschicht in ausgewogener Balance zu ihrer naturgewollt angestammten Herrschaft zu bewahren.
Diesen untertänigen Menschentypus zu beschäftigen, war natürlich der sehnlichste Wunsch der nach Ständen [standesdünkel] und in jahrhundertelang abgegrenzten Gesellschaftsklassen lebenden Zeitgenossen des Verfassers.
Diese sehnte sich regelrecht nach verlässlichen, möglichst preiswerten Dienstleuten, die hingebungsvoll und anspruchslos, fehlerfrei, unermüdlich mit aller Kraft arbeiteten und ihrem herrschaftlichen Dienstherren die Wünsche regelrecht von den Augen ablasen.
Gesinde, welches jederzeit freudig aufsprang, wenn der Gutsherr rief.
Haus- und Hof-Personal welches frühmorgens – egal ob Sommer oder im tiefsten Frost – die Tiere versorgte, das Haus wärmte, die Mahlzeiten vorbereitete, das Haus rein und fein hielt, das Vieh hütete, den Acker bestellte, den Wald pflegte, die erntereife Feldfrüchte beschützte und die Herrschaften, deren Hof samt seiner Nebengebäude + Besitz mit dem Leben bewachte.
Angestellte Dienstleute und Zwangsverpflichtete, die nicht nach freier Zeit nachfragten, sich nicht vergnügen wollten, ganztags von 05:00h bis 22:00h im Hause auf die Wünsche ihres Herren warteten und die mit ihm vertraglich verabredete Dienstzeit oder Zwangszeit ohne Klage zu führen ableisteten – sogar darum baten, sie über die Vertragsdauer hinaus, um die üblicherweise vorgesehene Verlängerungsmöglichkeit, weiterführen zu dürfen, notfalls zu geringerem Lohn als bisher, wenn es der Herrschaft nicht unangenehm war.

Und so erklärten der Herausgeber Schlosser (und der anonym im Hintergrund wirkende Volkhart) das Dienstboten-Buch voller Beispiele für den guten Untertan in einem  Vorwort an „die dienende Klasse“:

Dir, mein christlicher Dienstbote seyen diese Blätter gewidmet, die in einem Jahre zu einem Buche angewachsen, dir die Ueberzeugung geben werden, daß nur jener Dienstbote, welcher Gott und seiner Pflicht getreu ist, der Gnade und des Wohlgefallens Gottes, und der Liebe und Achtung seiner Mitmenschen sich würdig machen könne.

Sie werden dich lehren, daß

1. nur die heilige Religion allein die sicherste Stütze der [gegen die] Widerwärtigkeiten, die göttliche Trösterin im Unglück, und die kraftvolle Helferin sey, wo alle menschliche Hilfe vergebens erwartet wird – wenn sie von Tugend begleitet in einem frommen Herzen wohnt;

2. werden sie dir einen Begriff von den hohen Pflichten geben, die dir obliegen; von der Wichtigkeit deines Standes und dem großen und bedeutenden Einfluß, den die dienende Klasse in der menschlichen Gesellschaft einnimmt.

3. Aus dem Leben guter und tugendhafter Dienstboten wirst du drin Beispiele von Treue, Edelmuth, Anhänglichkeit und reger Sorgfalt, von Frömmigkeit und Eingezogenheit, wie von treuesten Pflicht-Erfüllung lesen, die dich nicht allein angenehm unterhalten, sondern selbst zur Nachahmung hinziehen werden.

4. Väterliche Lehren und Ermahnungen, Parabeln, Lieder, Gleichnisse und Denksprüche, deren sorgfältige Beachtung, Beherzigung und Befolgung dein zeitliches und ewiges Glück gründen, dich das Beschwerliche deines Standes mit Liebe tragen und darin zufrieden leben lernen werden, wirst du darin nicht vermissen, so wie du im Gegentheile auch finden wirst, daß die Folgen von Ungehorsam, Untreue, Unsittlichkeit, Verschwendung und Undankbarkeit bei schlechten Dienstboten sich, meistens schon in diesem Leben strafend einstellen, ohne jener ewigen Strafen zu gedenken, die jenseits den Bösen und Lasterhaften erwarten.

5. Lehrreiche in Kupfer gestochene Abbildungen, welche die Lebens- und Leidens-Geschichte Jesu, das Vater-unser in 7 Bitten, die göttlichen und sittlichen Tugenden, als Glaube, Hoffnung, Liebe, Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit und Starkmuth, sowie die 7 Werke der Barmherzigkeit bildlich und erklärend darstellen, und wovon jedem Blatte eines derselben beigeben wird, werden deine Seele zu christlicher Erbauung und Andacht stimmen, und dich einsehen lernen, daß, wer der Tugend und seinen Pflichten getreu lebt, stets auch in seinem Innern glücklich ist, nie aber unglücklich werden könne.

—–  O —–

Von Michaelis dieses Jahres erscheint alle Sonntage eine Lieferung mit 1 Kupfer deren 52 solche Lieferungen dieses Dienstboten-Buches ausmachen, welchem am Schluße ein Haupttitel und Inhalts-Verzeichnis beigefügt wird.

Der Preis einer solchen Lieferung ist nur 1 ½ kr. oder 6 Pfennige (dahero nicht über deine Kräften alle Sonntage 6 Pfennige auszugeben,) wodurch du dir auf leichte Art ein schönes, Segen und Heil bringendes Buch mit 52 Kupfer nach und nach erwerben kannst. Und gerne wird auch deine Herrschaft, wenn ihr dein zeitlich und ewiges Wohl je am Herzen liegt, dir dazu eine Beisteuer reichen, denn dadurch wird sie deiner religiös-sittlichen Bildung beitragen, und dein Herz für die Sache Gottes, für das Bessere und Edle, und daher auch – für sich selbst gewinnen.

Wer immer du dahero der dienenden Klasse, sey es als Geselle, Lehrling, Bediente, Kutscher oder Knecht, oder als Köchin, Kinds-Stubenmädchen, oder Hausmagd angehörend bist, gewiß wirst du diese Blätter, wenn dein Herz je für das Gute noch empfänglich ist, mit Vergnügen und nie aber ohne Nutzen für dich lesen, das Gute und Edle darin dir zu Herzen nehmen, und ihm deine Nachahmuung schenken. –

Geht nun hin ihr Blätter für Dienstboten, bringet tausendfachen Segen und Nutzen, und dringet fest an das Herz der Dienenden, damit sie zufrieden mit ihrem Stande, geachtet und glücklich leben, ja durch ihre Veredlung zum Wohle der gesamten menschlichen Gesellschaft, auf das ihr so zahlreicher Stand einen nicht zu berechnenden Einfluß hat, das Ihrige getreulich beitragen.

Dann ist der schönste Wunsch meines Lebens erfüllt und meine Absicht ganz erreicht und gekrönet. –
Der Herausgeber


 

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