Omas Jahre

1800 – Spendenaufruf an Menschenfreunde

Der Kaiserlich privilegirte Reichs-Anzeiger veröffentlichte  am 07. Januar 1800 folgenden Spendenaufruf eines Pfarrers im Umlande von Chemnitz: 

Ihr Menschenfreunde meines wohlthätigen Vaterlandes:


— denkt Euch den schrecklichen Anblick folgender menschlichen Gestalt:
— Einen menschlichen Körper von der Größe eines einjährigen Kindes, der Kopf beynahe der größte Teil dieses Körpers, die Augen groß und schrecklich vor sich hinstarrend, der Mund durch eine hervorgetriebene Zunge stets geöffnet, ohne ordentliche Zähne, ohne Kräfte zum Zermalmen der Speisen;
— an diesem Kopfe einen ganz verkrüppelten kleinen Körper, und an selbigem eben so elende, ganz sichelförmig verwachsene Hände und Füße, ja die erstern sogar in die dünnen Seiten des Leibes hinein gewachsen;
— alle diese Glieder ohne die geringste Kraft sich zu bewegen, oder sich zu rühren,
— und nun diese ganze Gestalt vom langen Liegen wie platt gedruckt, und so jämmerlich verunstaltet,
— und hört’s Menschen
— ich rufs Euch ins menschliche Herz!
— Dies ist die treuste Schilderung eines Kindes von 14 Jahren, das von seiner Geburt bis jetzt noch keinen Funken menschlichen Verstandes blicken ließ, nie sich selbst bewegen, noch weniger sich selbst helfen, nie sprechen, sondern nur wimmern konnte, und das von seinen Eltern nicht bloß gefüttert, sondern sogar mit gekauten Speisen gefüttert werden muß
— und hörts Menschenfreunde!
— Dies ist das Kind zweyer Eltern, die außerdem noch 6 Kinder haben,
— eines Vaters, der selbst kränklich auf dem Rande des Grabes steht, und nichts weiter hat, als ein Häuschen und seiner matten Hände Arbeit.
Zwar ist von Seiten der Obrigkeit das Nöthige gethan worden, allein des Orts sehr kleine Commune, die noch überdies durch wiederholte, und
auch dieses Jahr schreckliche Ueberschwemmungen viel gelitten hat, konnte nur wenig thun.
Wa
s soll in Zukunft mit diesen Unglücklichen werden?
Helft Ihr Menschenfreunde.
— ich bitte mit warmem Herzen;
— diese unglückliche Famile Samuel Dieners befindet sich in meinem hier elngepfarrten
Bernsdorf;
— hört als Menschen,
— als Christen auch mein Bitten, da ihr voriges Jahr so edel die Bitten meines Vaters hörtet, der Euch für ein blindes Kind anflehte. Was Eure Menschen, Liebe mir sendet für diese Unglücklichen, dies und dessen Anwendung werde ich Euch treu berechnen
— und Gott wird Euch dafür segnen!

Erdmannsdorf
bey Chemnitz in Sachsen
,
den 21. December 1799

Heinrich Liebmann, Pastor Substit.

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